Gnostisch-Christliches Manifest der Liberal-Katholischen Kirche in Deutschland

Der gnostische Christus

Für viele Menschen ist der Urheber der Schöpfung ein mangelhafter, eifer- und rachsüchtiger Wüstengott, der Geschlechtsverstümmelung und blinden Gehorsam zum Zeichen seines Bundes verlangt. Im Gegensatz zu dieser abrahamitischen Dämonie ist Christus ein Teil unseres Bewusstseins und der Erleuchtungsgeist, der uns erkennen lässt, dass wir selbst Gott und Schöpfer dieser Welt sind. Christus will uns erkennen machen, dass wir das Reich Gottes bereits in uns tragen und es nur noch durch Selbsterkenntnis im Außen erfahren werden kann.

Jede Form von äußerer Realität ist immer eine Projektion innerer Empfindungen und Bewertungen. Alles existiert nur deshalb so wie es existiert, weil wir uns unbewusst dafür entschieden haben. Unser höheres Selbst ist der wahre Schöpfer der Welt und der Wille Gottes über alle Geschöpfe. Wer das Christuslicht in sich selbst siegen lässt, wird den Angstdämon in jeder Lebenslage besiegen; denn die Lichtfeuerflamme Christi ist das Fundament aller magischen Macht!

Christus ist der Gott und König in uns, der uns Erkenntnis über unsere eigene Göttlichkeit schenkt. Wenn wir Christus verehren oder anbeten, dann tun wir das immer in Demut vor uns selbst, um uns in vollkommener Selbstliebe mit unserem Innersten zu verbinden. An Christus glauben heißt, an den Sieg im Krieg über die eigenen Schwächen zu triumphieren. Erst wenn der Glaube die Nutzlosigkeit der Befolgung buchstäblicher Gebote und Gesetze überwunden hat, ist er ein wahres Werkzeug des Gotteswillens. Christ-Sein bedeutet, den eigenen natürlichen Instinkten zu folgen, denn Gott ist auch Tier im Menschen.

Als Morgenstern erscheint Christus am Firmament, als Helios, Sol Invictus und Apollo Christus in den Anfängen des katholischen Christentums. Der Vatikan besitzt noch heute die vielen Mosaiken und Statuen, die beweisen, dass der ursprüngliche Katholizismus hellenistisch-römisches Heidentum war. So tragen doch einige heidnische Götter schon lange vor der Geburt Jesu den Titel Christus.

Lucifer war eine weitere frühe Erscheinung des Sonnengottes Helios, der identisch mit Apollon war. Der vergöttlichte Kaiser trug ebenfalls den Titel Lucifer im antiken Rom. Christus war ursprünglich ein Titel, der an die Hocheingeweihten im Tempel des Apollon verliehen wurde, nachdem sie mit heiligen Öl gesalbt wurden; so heißt Christus auch nichts anderes als Gesalbter. Über den Tempeln des Apollon stand der Spruch: „Erkenne dich selbst“, was bedeutete, dass man Gott in sich selbst suchen solle. Ein Christ oder Christus war in der Antike also ein Mensch, der Gott in sich selbst erkannt hatte und fortan als Hohepriester diesem einzig wahren Gott diente. Dieses geheime Wissen wurde allerdings nur in so genannten Mysterienbünden weiter gegeben, die heute in diversen Geheimbünden weiter existieren. Der unwissende Pöbel sollte davon allerdings nichts mitbekommen, weshalb ihm auch nichts anderes übrig blieb, als Gott in menschlichen Autoritäten zu dienen und sich nach den von Menschen geschriebenen Gesetzbüchern auszurichten.

In der Gnosis vereinen wir Licht und Finsternis, weil beide Aspekte zur Einheit gehören. Erst durch die Spaltung von Licht und Finsternis wird durch Abfall von der Einheit (Gott) ein Dämon beschworen, der durch äußere Projektion zu einer leibhaftigen Bedrohung werden kann. Der gute Exorzist befriedet die ungeliebten Schattenanteile durch liebevolle Annahme und Assimilation in den Gesamtorganismus. Nur Laien-Exorzisten oder andere Narren bekämpfen böse Geister, Dämonen und den Teufel durch allerhand wirre weltliche Handlungen. Das Böse ist immer eine Entfremdung von sich selbst, es ist die Disharmonie, die durch Abspaltung vom Ganzen entsteht und sich vor allem durch die Verfolgung des Bösen in der Welt offenbart. 

Der Mensch macht andere von Dämonen besessen, wenn er seine eigenen Ängste auf seinen Nächsten projiziert und diesen dann stellvertretend bekämpft. Der biblische Satan (= Widersacher) ist daher auch kein Feind der inneren Gottheit, sondern ein Befreier von falschen Geboten und Gesetzen, die zur Selbstentfremdung führen. Satan (=Widersacher) ist wie Christus ein Titel, jedoch ist Christus der Titel der inneren Gottheit und Satan der Titelverteidiger von Christus in uns. Dadurch das Satan als Anwalt den fremden Gott aus der Wüste anklagt, stellt er sich automatisch auf die Seite von Christus in uns und kann daher auch als eine andere Gestalt von ihm angesehen werden, die hier positiv wirkt.

Christus ist, wie wir sehen werden, nicht nur ein Gott des Lichtes, der Liebe und des Heils, sondern auch der Magie, der Finsternis und des Krieges. Christus ist der Feind der Unfreiheit. Er ist der „Böse“ im Sinne abrahamitischer Dogmen, der vorgefertigte Realitäten und Gesetze durch Selbsterkenntnis und Mündigkeit ersetzt. Er ist der Ankläger falscher Moralvorstellungen und geistiger Verirrungen. Christus ist in der Gnosis die Schlange im Paradies, die für Weisheit, Lebenskraft und Selbsterkenntnis steht. Er ist ein schirmender Cherub, der alle, die Gott in sich erkannt haben, vor allen Übeln dieser Welt beschützt. Er ist aber auch der Zerstörer von Illusion und Feinden der Freiheit. Christus ist der Versucher zur Erleuchtung und den Früchten der Erkenntnis. Als unser solares Selbst und Gott ist er der wahre Herr dieser Welt und dieses Äons. Christus ist aber auch der Herr der Macht der Luft (Pneuma = Geist) und ein Engel des Abgrunds verborgener menschlicher Bedürfnisse und noch unerkannter oder ungeliebter Seelenanteile. Er ist voller Weisheit und über alle Maßen schön wie ein Engel des Lichts. Christus stellt außerdem die Erkenntnis dar, Bewusstsein über die eigenen Fähigkeiten und Können zu erlangen, und sich voller Selbstbewusstsein über den fremden Gott und seine erdummspannende Tyrannei zu erheben. Christus führte einen harten Kampf gegen seinen Widersacher, bevor er als Mensch auf die Erde viel, um sich erneut selbst zu erkennen und zum Höchsten aufzusteigen. Wer Christus in sich selbst erkannt hat, wird König der Welt genannt!

Christus ist auch der unsichtbare Geist, den wir im Heiligen Geist wieder erkennen dürfen, der wie ein Blitz in unser Bewusstsein einschlägt und immer wieder neue Erkenntnisse offenbart. Er ist Odin mit dem Speer des Schicksals, der Wanderer der Welten, in dessen Hand durch seinen Geist die Könige und Reiche dieser Erde liegen. Seine Magie durchdringt den gesamten Kosmos, und er erfüllt uns alle Wünsche, die uns auf dem Weg zur Vervollkommnung helfen.

Christus ist unser Vater, unsere Mutter und unser Heiliger Geist und Schutzengel. Seine Kraft wird in uns immer dann aktiv, wenn wir an ihn denken. Je häufiger wir also an Christus denken, desto stärker werden wir. Er wirkt durch uns und unabhängig von unserer Vorstellungskraft, da er alldurchdringend ist. Er transformiert für uns alles Übel in der Welt, wenn wir bereit dazu sind, uns vollkommen in sein gnostisches Licht zu begeben. Er bietet uns seine magische Macht an, die mit der Initiation und Annahme seines Erleuchtungsgeistes einhergeht. Wenn wir nach dem Wesen, welches Christus verkörpert, wie wir es hier bereits besprochen haben, unser ganzes Dasein ausrichten, werden wir als solare Gottkönige in seinem Licht neu geboren und schon auf Erden vollkommene Erlösung finden. Christus will keine Sklaven blinden Gehorsams, die wahllos festgelegten Dogmen folgen, sich selbst verleugnen und ein Schuldeingeständnis nach dem nächsten machen; und er will auch keine Heuchler, die aus Gründen falsch verstandener Liebe oder aus Mitleid ihren wahren Willen zurückhalten und dadurch der einzigen Sünde, der Schwäche, unterliegen.

Die Dreifaltigkeit Gottes begegnet uns in Vater, Sohn und Heiligem Geist. Jedoch ist das nur die halbe Wahrheit. Weil der Vater eigentlich mann-weiblich ist, symbolisiert er doch das nonduale Prinzip des Nichtdenkens innerhalb tiefster geistiger Versenkung in sich selbst. Der Sohn ist der pan-gnostische Teil der erfahrbaren Realität, die wir Geist Natur nennen oder Weltenseele. Da aber auch der Sohn weder männlich, noch weiblich ist, kann hier ebenfalls nur von einem Prinzip oder einer Kraft gesprochen werden. Der Heilige Geist allerdings ist die Projektionsfläche all unserer Gedanken und Emotionen, die wir in der Lage sind zu reflektieren. Er kennt weder richtig noch falsch, er führt einfach aus, was Gott in uns befiehlt, je nachdem was wir glauben, denken oder fühlen wollen.

Christus darf also als Gott in uns und in der Gestalt des Sonnengottes verehrt und angebetet werden, weil er ein magischer Spiegel ist, der uns die Kraft die wir hineingeben, mannigfaltig zurückgibt. Er ist der Gott der universellen Magie und der Herrscher des Universums.

 

Alexander Stier, SD
Allerheiligen 2020