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Weihererfahrung

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Kleriker-, Ostearius- und Lectorweihe 
Erfahrungsbericht von Daniel Becker

Einige Tage vor der Weihe klingelte mein Telefon. Es war Bischof Evert, der sich mit seiner freundlichen Stimme meldete, und sofort begann ein schönes Gespräch zwischen uns. Auf mich wirkte es so, als würde er mich bereits kennen; und als ich ihm eröffnete, dass ich mir nicht sicher sei, ob ich auch genügend vorbereitet auf die bevorstehenden Weihen sei, beruhigte er mich mich freundschaftlich und mit wohlmeinender Wärme: „Ich bin sicher, Du bist bereit für das was kommt.“

Dann war es soweit. Nach vielen Tagen der Vorbereitung, Organisation, des Schriftverkehrs, der Einkäufe und Aufbauarbeiten begannen wir mit dem Kirchentag 2015 in Bonn. Es kamen Gäste aus Bonn, den Niederlanden, und schließlich traf auch unser hoher Besuch aus Schweden mit Begleitung ein. Der Bischof umarmte mich herzlich, und ich war stolz, ihm unsere Kapelle zu zeigen, die wir mit viel eigener Arbeit seit Frühling des Jahres zusammengestellt haben.

Nach einem Abendessen mit vielen Gesprächen bereiteten wir uns auf die Komplet und die anschließende Segensandacht vor. Während der Vorbereitungen stand ich kurz vor dem Sanktuarium, und Bischof Evert sprach mich von der Seite an: „Und? Wie fühlst Du Dich?“ Ich konnte nur erwidern: „Irgendwie kindlich und unwissend, mehr kann ich gerade nicht sagen, ich weiß ja nicht, was jetzt kommt, und was mit mir geschehen wird.“ „Das ist genau richtig.“, klopfte er mir auf die Schulter und lächelte mich an.

Und es war so, wie ich es ihm sagte. Was soll man schon über etwas wissen, was man noch nicht erfahren hat. Aus meiner Vergangenheit und meinen Beobachtungen in anderen (westlichen) Kirchen weiß ich nur, dass die Weihen dort eher etwas Administratives an sich haben, und keine so weitreichende feinstoffliche Bedeutung wie in der Liberal-Katholischen Kirche.  Also ließ ich das nahende Ereignis einfach auf mich zukommen.

Und ja, es fühlte sich an, wie in meiner Kindheit. Ich ging mit meiner brennenden Kerze auf Bischof Evert zu, gab sie hin und durfte mich vor ihn hinsetzen. Dann begann er, mir über die Aufgaben des Klerks im Gottesdienst vorzulesen. Dies tat er in Deutsch, was uns alle freute, da er schließlich kein Muttersprachler ist. Im Rückblick ist es schön, mich daran zu erinnern, dass ich das Gesagte eher gefühlt habe, und nicht intellektuell erfasste. Auch während der Weihe, als ich vor ihm kniete und vom Geiststrom berührt wurde, sah ich eher Bilder, als dass ich genau hörte, was gesagt und gesprochen wurde. Alles kumulierte sich bei der Handauflegung: Ein warmer Impuls bewegte sich von meinem Kopf über mein Herz zu meiner linken Hand und erfüllte auch die rechte. An diesem Punkt dachte ich dann tatsächlich wieder nach und sagte zu mir: „Ja, so ist es – der Klerk ist für das bestimmt, was man mit Händen greifen kann. Das ist das fühlbare Symbol, der Impuls für das JA, DU DARFST.“

Nun haben wir in der Bonner Gemeinde noch nicht so viele Altardiener, und deswegen war mein Dienst nun auch in der anschließenden Segensandacht gefragt. Viel Zeit blieb also nicht für mich, das Ereignis nachwirken lassen zu können. Das Wirken im Sanktuarium, als Geweihter, fühlte sich aber nun selbstverständlicher an. Später würde ich zu VRev. Datenschutz sagen, dass ich mich umarmter und geschützter als zuvor gefühlt hätte.

Zwei Tage später und nach vielen schönen Gesprächen, in denen wir über Meditation und das Wirken der Brüder und Schwestern in Schweden und den Niederlanden erfahren hatten, bereiteten wir uns auf das Pontifikale Hochamt vor. Da er die deutsche Sprache zwar sprechen kann aber eher selten praktisch verwendet, fragte uns der Bischof, ob es für uns auch vorstellbar sei, die Weihen in Englisch zu sprechen. Da ich selbst sehr viel mit der englischen Sprache zu tun habe und sie meine erste Wahl für Texte in der Kunst ist, freute es mich sogar, und wir stimmten zu. Ohnehin war Englisch für unseren Kirchentag zweite Amtssprache, und deswegen viel es vielen Gästen gar nicht wirklich auf. Bischof Evert konnte so mehr Kraft in das gesprochene Wort während der Weihen legen, entschied sich aber dennoch, die eucharistischen Texte auf Deutsch zu sprechen. Das ehrte uns sehr.

Nun, nachdem das Kyrie erklungen war, gab man mir wieder meine entzündete Kerze, mit der ich wieder zum Bischof trat und sie ihm voller Freude übergab. VRev. Datenschutz nickte kurz, und ich nahm vor dem Bischof platz, der mir tief in die Augen sah. Wieder sank ich, während er mir die Bedeutung des Türhüteramtes erklärte ins Fühlen. Ich hörte, was gesprochen wurde, erlebte aber mehr, als das reine intellektuelle Verarbeiten und Speichern der Worte. Und während ich niederkniete, erschienen wieder viele Bilder aus der Vergangenheit meines bis zu diesem Punkt gelebten Lebens. Es machte nun Sinn, Misserfolge, Enttäuschungen und Verluste erlebt zu haben, damit ich genau an dieser Stelle in diesem Augenblick knien durfte, um das zu erleben, was jetzt und hier geschah. Nach der Handauflegung wurde mir die Glocke und der Schüssel gereicht, und beim Läuten der Glocke fühlte ich, dass ich in einen Dienst trat, den schon so viele Menschen vor mir verrichtet haben. Ich trat wahrhaftig ein in eine Sukzession.

Am Morgen des Tages, bei den Vorbereitungen, brachte ich das Buch mit, das mir bei der Weihe zum Lector übergeben werden sollte. Ein Buch in rotem Leinen – das neue Testament. Generalvikar Johannes sah es, legte es weg und gab mir ein anderes. „Nein, Du sollst auch mit anderen Quellen forschen.“ Und er zeigte mir ein Buch über die apokryphen Schriften. Das gefiel mir natürlich. Und so war es dieses Buch, das mir Bischof Evert während der anschließenden Weihe zum Lector in die Hände legte. Zuvor, beim Zuhören des Textes, in denen es um die Aufgaben und Bedeutung des Lectorenamtes ging, flossen Rührungstränen in meine Augen, und es wurde mir ein Taschentuch gereicht. Aber ich wollte die Tränen nicht wegwischen – es war schön, sie zu spüren. Das körperliche Erlebnis blieb bei diesen beiden Weihen aus. Ja, so erkläre ich es mir, es werden bei diesen Weihen bereits andere Körper angesprochen, und die feinere Wahrnehmung wird angesprochen. Und bei dieser wirken sich Ursache und Folge zeitlich anders aus, als in der konkretesten Materie. Und genauso war es zu erfahren: Die Wirkung breitete sich in der Fläche aus. Das sage ich deswegen so, weil die Menschen, die in der ersten Reihe, nahe dem Sanktuarium saßen, mir später von ihren eigenen besonderen Erfahrungen und Gefühlen während des Ereignisses berichteten. Einen Tag nach der Weihe, ereignete sich etwas, das meine neuen Fähigkeiten als Ostearius und Lector unter Beweis stellen sollte. Und ich konnte der Problemstellung anders als vor der Weihe begegnen: Gefühle anderer von den eigenen klarer unterscheiden und verorten können, gedankliche Fehlstellungen deutlicher erkennen und Schlüsse ziehen, die das Chaos zurückdrängen. Später würde mir Generalvikar dann am Telefon erzählen: “Ja, das passiert normalerweise nach den Weihen. Ein Ereignis, in dem Du auf die Probe gestellt wirst, wird kurz nach der Weihe stattfinden. Interessant, dass es bei Dir schon einen Tag nach der Weihe war.“ Ja, es war ein Ereignis, das, wie die Bilderströme während der Weihen, eine Bestätigung dafür war, dass viel geschehen musste, damit ich jetzt und in der Zukunft für unsere wunderbare Kirche wirken kann.