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Gemeinde?!””

Gemeinde?

Ein Wort, das einem nicht unbedingt das Gefühl von dem vermittelt, was es eigentlich bedeuten soll. Als Kind habe ich dieses Wort immer mit dem Geruch alter Menschen und Gesundheitsschuhen verbunden – und zusätzlich dem Geruch aus dem Hals unseres Pfarrers. Ich habe ihn für sein Wissen und sein tolles Kollarhemd bewundert, aber irgendwie roch er halt komisch. „Gemeinde“ hatte etwas mit langweiligen Pfarrfesten und verkrampften Leuten zu tun, die meine blauen Haare und meine T-Shirts mit Totenkopf-Artwork befremdlich fanden. Das waren „diese Leute“, und sie saßen in der katholischen Leihbücherei, waren Mathematiklehrer, Metzgerssohn, Finanzbeamte, arrogante Professoren und so fort. Ich fühlte mich nicht im Entferntesten als ein „Gemeindemitglied“, sondern als ein Kind, das auch in die Kirche geht, Messdiener ist und beim Kinderflohmarkt Lego und Action-Spielfiguren verkauft. Wenn ich zur Christmette (vor dem Stimmbruch) mit dem Musiklehrer von Stefan Raab, der nebenberuflich unser Organist war, von der Empore aus sang oder Klarinette spielte, performte ich vor Fremden, die mich dann nach dem Gottesdienst anglotzten, als hätten sie mich noch nie gesehen.

 

Gemeinde!

Nun habe ich selbst eine „Gemeinde“ gegründet und trage Kollarhemd. Über meinen Mundgeruch hat sich noch niemand beschwert. Der Grund ist weniger meine körperliche Fitness, sondern wohl eher, dass ich nicht mehr Teil einer gigantomanischen Volkskirche bin, und es gar keine Kinder oder Jugendlichen gibt, die sich gezwungenermaßen mit dem Herrn Pfarrer in Kindergarten, Schule oder Kommunionunterricht beschäftigen müssen. Und es gibt auch keine Bibliotheken und erst recht keine Gesundheitsschuhe. Einerseits ist es gut, dass dieses unangenehme Gefühl erst gar nicht aufkommt. Andererseits wäre es aber auch schön zu wissen, dass da Menschen sind, die sich ohne Bitten und Betteln, Facebook-Event-Einladungen oder Sammel-Mails dazu aufraffen könnten, irgendetwas für den Aufbau der Gemeinschaft zu tun. Und da haben wir es: Ich sage „Gemeinschaft“; denn ich weiß gar nicht, ob ich eine „Gemeinde“ aufbauen will. Eine Verfasstheit bringt auch großem Druck und notwendige demokratische Prozesse mit sich, die schlechtestensfalls dazu führen, dass es mehr um die Reparatur von Türzargen und dem Wort „Sünde“ im Gottesdienst geht, als um die gemeinsame geistig-seelische Arbeit im Feinstofflichen – also der kraftvollen weißmagischen Ritualarbeit in der Heiligen Eucharistie.

 

Gemeinschaft?

Was soll das sein im Angesicht von Ashrams, 5-Rhythmen-Events, Multimedia-Pfingstlerei, Tribes, Bibel-TV, „Hour of Power“, Seminaren zur Energiearbeit, Zen-Meditations-Kursen und Wicca-Zirkeln? Nichts davon ist dem Grunde nach verwerflich oder sinnlos, solange es zur geistig-seelischen Entwicklung des Menschen dient und ihn/sie nicht verarmen lässt. Aber wo bleibt das Sonntags-Idyll des Kirchgangs? Ist „Gemeinde-Sein“ noch zeitgemäß? Bringt es den Menschen noch etwas? Im Sinne der Einleitung denke ich ganz klar: nein. Denn die Gemeinden aus der Vergangenheit wurden konstituiert aus Wohnsituation, Konfessionszugehörigkeit und mangelnder Reflektiertheit im Sinne des Volkskirchendiktats. Dennoch unterwerfen sich die Menschen pseudo-hindu-buddhistisch-esoterischen Gurus, die wie Pilze aus dem feuchten Boden der kirchenhassenden “Post-postmnoderne” sprießen und verwenden Termini wie eben „Ashram“, „Community“, „Flok“, „Crew“ oder was auch immer gerade passt, um einer ephemerischen Dynamik-Gruppe ihren Absolutheitspruch zu bestätigen. In der Gründungsphase der „Gemeinde“ habe ich oft das Wort „Impuls“ verwendet, um Menschen, mit denen ich ins Gespräch kommen wollte, nicht direkt und abschliessend zu verschrecken. Alternativ sprach ich von „Bewegung“, um darzustellen, dass man nicht unterschreiben muss oder schlimmstenfalls Gesundheitsschuhe tragen muss. Andererseits schwören viele Esoteriker heute auch auf die sog. Barfußschuhe und posten ihre so bekleideten Füße, um ihre Stellung im Kosmos zu verdeutlichen. Wie ist das eigentlich, wenn die zweite Generation im Ashram sich ihrer selbst bewußt wird? Sind dann die Barfußschuhe die neuen Gesundheitsschuhe von damals wie bei Römers?

 

Gemeinde

In einer Menschheitsphase, in der jeder Begriff auf sein faschistisches Potential überprüft wird, können wir gerne immer wieder alles auseinandernehmen und jedes indogermanisch-geronnene Wort zersetzen und dann wieder semantisch neu aufladen – schön und gut für all diejenigen, die keine anderen Grausamkeiten als die der noch nicht allseits eingeführten genderspezifischen Sprache (oder wie das auch immer im Moment heißt) erleben. Ähnliche Grausamkeiten seien in diesem Text außer Acht gelassen – ohne Entehrungsabsicht derjenigen gegenüber, die sich anderweitig traumatisiert fühlen, denn als Kirchenmann ist man ja immer in der Beweislastumkehr gefangen – egal ob man Römer ist oder nicht. „Kirche“ und „Gemeinde“ sind Horrorworte für den freien Menschen der Postmoderne. Das erlebt man in den Facebook-Gruppen der modernen Freidenker*innen allenthalden. Nach alledem, was sich über und durch die Volkskirchen offenbart hat, ist die Wut auch nachvollziehbar.

 

„Gemeinde“

Ja. Ich verwende diesen Begriff weiterhin. Aber tatsächlich meine ich etwas anderes damit als Kirchen-angeekelte Wellness-Esoterik-Mütter damit verbinden. Gemeinde ist ein Angebot, ein Ort, ein Event, das man fühlen kann, wenn man will. Es ist die Möglichkeit, sich in eine Frequenz einzuschwingen – in ein euchartistisches A-U-M (OM), 136,10Hz, in ein AMEN oder einfach nur in die Tatsache, für eine Stunde in der Woche kein Blödmann in Geist-Seele-Körper zu sein. Ja, man ist dann eine Crew, ein 1-Stunden-Ashram, ein „Tribe“, eine Con-Gregation. Und es IST ein 5-Rhythmen-Tanz, eine Tantra-Session oder was auch immer dem Menschen im Sinne einer Vor-Begrifflichkeit das Gefühl schenkt, loslassen können; und eine Art von Kommunion, Vereinigung oder Gleichklang zu erzeugen – mit anderen. Unterschreiben, Geld-bezahlen, beim-Arbeitskreis-mitmachen ist dafür nicht notwendig. Die erdrückende Masse an sonstigen Verpflichtungen in der postmodernen, demokratisch-pluralistischen, gender-befreiten, Whatever-freien-Welt lässt keinen Raum dafür, Gemeinde zu sein. Verstanden. Und es wird auch niemand aus bloßer Nettigkeit die Kapelle ausfegen, ohne Diskussion über Bezahlung, Klerus-Laien-Gefälle-Kampf-Erörterungen, den Begriff „Sünde“ oder Ausarbeitungen über den Missbrauch von Kindern in der Römischen Kirche.

Nochmals: verstanden.

 

Rev. Daniel Becker